EarthBound – Eine nüchterne Betrachtung eines unkonventionellen Klassikers

EarthBound (in Japan als Mother 2 erschienen) wurde 1994 für das Super Nintendo Entertainment System veröffentlicht und gilt heute als Kultklassiker. Das Spiel stammt von Shigesato Itoi und wurde von HAL Laboratory sowie Ape Inc. entwickelt. Trotz seines geringen kommerziellen Erfolges zur Erstveröffentlichung hat es sich durch seine unkonventionelle Erzählweise und sein eigenwilliges Design langfristig einen Platz in der Videospielgeschichte gesichert.

Prämisse und Handlung
Die Geschichte folgt Ness, einem Jungen aus der fiktiven Stadt Onett, der gemeinsam mit drei weiteren Figuren eine außerirdische Bedrohung bekämpfen muss. Anders als viele zeitgenössische Rollenspiele verzichtet EarthBound auf ein mittelalterlich-fantastisches Setting und verlegt seine Handlung in eine moderne, an die USA der 1990er-Jahre angelehnte Welt. Die narrative Struktur ist linear, jedoch durchzogen von surrealen und satirischen Elementen, die gesellschaftliche Konventionen und Videospielklischees hinterfragen.

Gameplay und Mechanik
Das Kampfsystem ist rundenbasiert und orientiert sich an klassischen JRPG-Mechaniken, weist jedoch Besonderheiten auf. So verfügt es über eine „Rolling HP“-Anzeige, die es ermöglicht, Schaden taktisch abzufedern, indem Spieler schnell handeln, bevor die Lebenspunkte vollständig heruntergezählt sind. Der Fortschritt im Spiel ist strikt an den Handlungsverlauf gebunden, und Nebenaufgaben sind nur rudimentär vorhanden.
Die Steuerung entspricht dem Standard des SNES-Controllers, ist funktional, aber gelegentlich sperrig, insbesondere bei der Menüführung.

Ästhetik und Sounddesign
Die grafische Gestaltung nutzt eine einfache, beinahe kindliche Pixel-Ästhetik, die absichtlich stilisiert wirkt. Dieser Stil kontrastiert mit der oftmals düsteren oder bizarren Thematik und erzeugt dadurch einen eigenwilligen, fast subversiven Effekt.
Das Sounddesign zählt zu den innovativsten Aspekten: Die Musik greift auf ein breites Spektrum an Einflüssen zurück, von Popkultur-Referenzen bis hin zu experimentellen Klangcollagen. Manche Passagen wirken beinahe avantgardistisch, was zur surrealen Atmosphäre beiträgt.

Rezeption und Bedeutung
Bei seiner Veröffentlichung erhielt EarthBound in westlichen Märkten gemischte Kritiken. Häufig wurden die Grafik und die als „merkwürdig“ empfundene Präsentation kritisiert. Erst Jahre später, durch Internet-Communities und Emulator-Zugänglichkeit, wuchs die Anerkennung für das Spiel. Heute gilt es als ein Werk, das sich bewusst der Konvention widersetzt, und als ein Beispiel für narrative Experimente im Rollenspielgenre.

Fazit
EarthBound ist kein Spiel, das durch technische Perfektion oder komplexe Mechaniken überzeugt. Seine Stärke liegt in der unorthodoxen Mischung aus Satire, Surrealismus und minimalistischer, aber wirkungsvoller Spielmechanik. Aus analytischer Sicht ist es weniger ein Mainstream-Produkt als vielmehr ein interaktives Kulturartefakt – eines, dessen Einfluss auf spätere Indie-RPGs und experimentelle Spiele deutlich erkennbar ist.

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